Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes


Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden

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Inhalt: Abschlussbericht

Wir trotzen Wind und Wellen – Neue Strandschutzmauer auf Borkum sorgt für eine leistungsstarke Ems

2.900 m Stahlspundwände, 316 Stk. Wellenumlenker aus Stahlbeton, 2.900 m³ Transportbeton, 330 to Bewehrungsstahl, 3.700 m² Asphaltmischgut, 15.100 m² Beton-Großflächenplatten und Kleinpflaster, 20.300 m² Splitt-Schottergemisch; daneben 5.500 m² Strandhafer, 5.500 m Kabel in Schutzrohr, 40 Stk. Beleuchtungsmasten sowie 165 m Stahlrohrgeländer. So liest sich die Materialliste.

3 Jahre Planungsvorlauf, 30 Monate Bauzeit, rd. 16,5 Mio. Euro Gesamtausgaben, Einhaltung des Kosten- und Zeitrahmens, keine Arbeitsunfälle, Eröffnung im Beisein politischer und ministerieller Vertreter – keine negative Presse. Ebenso nüchtern lässt sich das Ergebnis des Projektcontrollings zusammenfassen.

Was aber steckt hinter diesen Zahlen und Fakten, an denen zu guter Letzt der Erfolg einer Infrastrukturmaßnahme gemessen wird, die am 22. August 2013 ihren Abschluss gefunden hat? Welche Punkte haben die Bauarbeiten an dem begehbaren Teil der Strandschutzmauer auf Borkum in ganz besonderem Maße geprägt? Eine Analyse …

Lageplan Borkum
Borkum - die westlichste der ostfriesischen Inseln

16,5 Mio. Euro – für Küstenschutz?
Nein; zumindest nicht direkt. Aber möglicherweise haben Sie sich beim Lesen der Überschrift die Frage gestellt, was wir als Wasser- und Schifffahrtsverwaltung mit Borkum zu tun haben, wenn doch das Augenmerk dieser Verwaltung auf der  Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs liegt. Nun, die Antwortet findet sich – wenngleich etwas versteckt – im Bundeswasserstraßengesetz, wo es unter § 8 Abs. 5 heißt: ‚Die Unterhaltung der Seewasserstraßen […] umfasst nur die Erhaltung der Schiffbarkeit der von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes gekennzeichneten Schifffahrtswege, soweit es wirtschaftlich vertretbar ist. Hierzu gehören auch Arbeiten und Maßnahmen zur Sicherung des Bestandes der Inseln […], Wangerooge und Borkum.’ Folge dieser Formulierung ist, dass der zum Fahrwasser der Ems gerichtete Bereich der Nordseeinsel Borkum durch ein System aus Seebuhnen, Deckwerken und einer massiven Strandschutzmauer vor dem Angriff der Gezeiten geschützt wird. So wird der Westkopf der Insel in seiner Lage stabilisiert und damit der Unterhaltungsaufwand für das Fahrwasser der Ems gering gehalten – also, Bestandssicherung des Inselkopfes zur betriebswirtschaftlichen Optimierung des gesetzlichen Auftrages.
Die ältesten Teile des Strombausystems sind bereits vor über 100 Jahren errichtet worden. Die Winterstürme mit ihren Sturmfluten gehen auf Dauer natürlich nicht spurlos an einem solchen Bauwerk vorbei, so dass rund 1,5 Kilometer der insgesamt 4 Kilometer langen Strandschutzmauer grundlegend erneuert und umgestaltet werden mussten.


Die Kraft des Windes

Technische Lösung nach ‚Schema F’?
Teils - Teils; lassen Sie einmal das Bild der Sturmflut auf sich wirken; schnell dürfte klar werden, wo die Probleme der vorhandenen Konstruktion mittlerweile lagen. Es bestand die Gefahr des Materialabtrages hinter dem Bauwerk durch überströmendes Wasser und damit potentiell der Unterspülung der Anlage von der Rückseite. Allein die Nutzung klassischer Bauweisen zur Dämpfung von Seegang und Wellenangriff hätte zu einem Raumbedarf geführt, der nicht vorhanden ist. Aus diesem Grund wurden als zentrales Schutzelement Stahlbetonhalbschalen, die als Wellenumlenker dienen, in die Konstruktion aus neu gestalteten Schrägdeckwerken und Geländesprüngen integriert.
Übrigens, die Oberkante der Wellenumlenker liegt in Teilbereichen um bis zu 2 Meter höher als das ursprüngliche Konstruktionsniveau, zudem können die schalenförmigen Elemente Wellenkräfte von bis zu 45 Tonnen pro m2 aufnehmen. Nur so lassen sich die Wasserüberlaufmengen auf ein akzeptables Maß begrenzen und auch die in den nächsten 80 bis 100 Jahren zu erwartenden Belastungen des Meeres auf das Bauwerk sicher beherrschen.

Stahlspundwände bilden das Fundament der Wellenumlenker Die Strandschutzmauer in neuem Gewand

Logistikherausforderungen?
Ja; begehen Sie heute die Strandschutzmauer, so wird das Bild vornehmlich vom neuen Oberflächenbelag geprägt, auch die merkliche architektonische Gliederung der Gesamtstrecke wird Ihnen möglicherweise bewusst werden. Dass sich im Untergrund bis zu 11,50 m lange Stahlbohlen befinden, die zudem bezüglich ihrer Stärke zu den größten auf dem Baustoffmarkt beziehbaren Elementen ihrer Art gehören, kann man nicht mehr erkennen. Insgesamt sind über 35.000 Tonnen Material verbaut, 11.000 m³ Altbeton abgebrochen, geschreddert und soweit wie möglich recycelt  sowie 12.000 m³ Erdreich bewegt worden. Im Grunde genommen kein Problem, wenn da nicht die Insellage wäre; letztendlich musste jedes einzelne Stück Stahl, jeder m3 Schüttgut, jede Platte zur Gestaltung der Oberfläche per Schiff vom Festland antransportiert, auf der Insel umgeschlagen und wegen der nur begrenzt vorhandenen Lagerkapazitäten im eigentlichen Baufeld, der Baustelle just-in-time zugeführt werden. Dies gilt selbstverständlich auch für das Asphaltgemisch, das nur in einem bestimmten Temperaturfenster verarbeitet werden kann über einen Anrainerhafen im niederländischen Eemshaven antransportiert werden musste; ganz zu schweigen von den Baumaschinen.
Nicht immer wurden die Bemühungen der Lieferanten dabei belohnt, wie die Havarie der ‚Nordland I’ im Jahr 2011 zeigt, die Material über den Vorstrandbereich anliefern sollte und dabei auf einer Seebuhne strandete.


havarierte "Nordland I" am Strand

Baustellenmanagement nach Lehrbuch?
Eher nicht; es liegt in der Natur der Sache, jeder Bauherr wünscht sich ein klar abgegrenztes Baufeld; Abläufe können so leichter organisiert, die Arbeitssicherheit qualifiziert berücksichtigt werden. Um diesem Anspruch auch im Falle der Sanierung der Strandschutzmauer gerecht werden zu können, bedurfte es eines aufwendigen Baustellenmanagements.
Borkum lebt, wie die anderen ostfriesischen Inseln auch, nahezu ausschließlich vom Tourismus; unglücklich nur, wenn einer der Sanierungsschwerpunkte gleichzeitig Hauptanziehungspunkt für Tagesgäste und Urlauber ist. Hinzu kommt, dass bauliche Eingriffe an der Strandschutzmauer als Element des Insel- und Küstenschutzes in den Wintermonaten unzulässig waren; die Bauzeit war somit im Wesentlichen auf die sturmflutfreie Zeit von April bis September eines Jahres beschränkt und fiel damit regelmäßig in die touristisch attraktive Saison.
So galt es durch eine mitlaufende Baustellensicherung, intelligente Verkehrslenkungskonzepte für Fußgänger wie auch Rad- und Rollstuhlfahrer, Aufklärungsarbeit und dergleichen mehr einen Ausgleich der Interessen zwischen der Aufgabenverantwortung der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung  und des Tourismus zu gewährleisten.

Sonst noch etwas?
Selbstverständlich; über die Arbeiten ließe sich natürlich noch viel mehr erzählen, sei es über die Einbindung der vorhandenen, oftmals sensiblen Nachbarbebauung in ein aufwändiges Beweissicherungsprogramm, die Integration der Belange des Denkmalschutzes oder aber die alltäglichen Unwägbarkeiten im Baustellenbetrieb –denken Sie nur an einmal an Kampfmittelverdachtsflächen - was uns als Bauherrn, wie auch den ausführenden Firmen stets volle Aufmerksamkeit und des Öfteren eines gesundes Maß an Improvisationstalent abverlangt hat.
Was aber zählt letztlich unter dem Strich? Am Ende steht ein in seinen Grundfesten überarbeitetes Strombauwerk, das dafür sorgen wird, dass die Seewasserstraße Ems der Schifffahrt weiterhin sicher und leistungsstark zur Verfügung steht. Am Ende steht aber auch ein Bauwerk, das mehr leisten kann und will, in Form eines zukunftsgerichteten Küstenschutzelementes und eines attraktiven Wahrzeichens für die Insel Borkum.